Ob Du einen Roman schreibst oder Storytelling für eins deiner Produkte betreibst: Eine Geschichte braucht gewisse Elemente, um zu begeistern, in Erinnerung zu bleiben und die Botschaft der Story aufzunehmen und im Idealfall umzusetzen. Wie wird aus eine leeren Story-Hülle eine Geschichte, die berührt und ins Herz geht? Heute geht es um Charakter.

Kennst Du das? Du schreibst einfach drauf los, weil Du eine geniale Story im Kopf hast. Du gibst sie einem Freund zum Probelesen und die Geschichte kommt nicht an. Angeblich fehlt ihr Hand und Fuß. Du bist niedergeschlagen. Sagt der Freund das einfach nur, weil er mit der Geschichte nichts anzufangen weiß? Nun, oft sind das keine subjektiven Wahrnehmungen, sondern ein Resultat übergangener Regeln. Eine davon ist: Zeige Charakter!

Konfrontation zwischen Gut und Böse?

Wolfgang betrat das Büro der Schatten-Agentur, die ihm und seinem Geschäft so lange geschadet hatte. Der Kopf dieses Unternehmens war verschrien als bösartiger Psychopath und skupelloser Geschäftsmann; als jemand, der sogar Umwege machte, um über Leichen zu gehen. Sein Name war Schadow, und nun stand Wolfgang ihm gegenüber. Kasimir Schadow saß in seinem Chefsessel und sah den Besucher herausfordernd an. Zu seiner rechten stand seine kleine Tochter, sie war etwa 6 Jahre alt. Auch Wolfgang hatte eine Tochter in dem Alter. Er sah, wie Schadow seine Hand auf den Kopf des Mädchens legte – liebevoll und fürsorglich. Er flüsterte etwas. Das Kind lächelte glücklich, nickte und verließ den Raum. Wolfgang zog die Papiere aus der Tasche, deren Inhalt Schadow ruinieren könnte – beruflich und privat!

Was wird Wolfgang jetzt tun? Wer ihn kennt, der weiß es. – Aber wer kennt schon jemanden ganz genau? Hat nicht jeder seine düsteren Geheimnisse?

Was und Warum

Jedoch noch wichtiger als die Frage, was Wolfgang nun tun wird, ist die Frage nach dem Warum. Denn wenn dein Charakter einfach so handelt, wie die Story ihm das diktiert, dann wird er schnell unglaubwürdig. Wenn Du seine Beweggründe nicht erfährst, wird Dir das Verständnis fehlen, das Du brauchst, um langfristig mitzufiebern. Wenn Du Wolfgang nicht als Menschen mit Stärken und Schwächen kennenlernst, sondern als Marionette des Geschehens, dann wirst Du keine Sympathie aufbauen, Dich nicht mit ihm identifizieren, Dich nicht mit ihm freuen und nicht mit ihm trauern.

Ein guter Wolfgang würde vielleicht in Anbetracht der gerade wahrgenommenen Verbundenheit zwischen Schadow und dessen Tochter seine Pläne über den Haufen werfen, die Schatten-Agentur und ihren Chef zu vernichten. Er hinterfragt die Beweggründe (und damit den Charakter) des angeblichen Bösewichtes. Wenn er dessen Motive versteht, findet er vielleicht einen Weg, wie alle zu ihrem Recht kommen.

„Sie sind Geschichte“, erklärte Wolfgang mit fester Stimme. Er warf seinem Widersacher die Papiere auf den Tisch. „Ich kann unter keinen Umständen zulassen, dass sie ihre Machenschaften fortführen“, erläuterte er seine Beweggründe, „da es genau diese Nachsicht war, die meinem Vater das Leben kostete.“

Das kam überraschend! Du hättest Wolfgang für zu gutherzig gehalten, als dass er diesen harten Schritt nun durchführt. Denn vorher schon hast Du viel über ihn und sein Leben gelernt. Er hat sich Dir bisher immer von seiner besten Seite präsentiert.

Und würde der Hauptdarsteller jetzt ohne ersichtlichen Grund sein Verhalten ändern, käme Dir das unauthentisch vor. Wechselhafte Persönlichkeitsmerkmale lassen den Leser den Kopf schütteln und Interesse verlieren.

Ritter unter riesigem Schuh

Überraschung und Begründung

Überraschung ist gut und wichtig. Für die Dramaturgie ist Überraschung ein wertvolles Element. Aber lass es nicht aus dem Nichts kommen, sondern zeige die Zusammenhänge auf. Begründe dem Leser, wie diese plötzliche Wendung vorhersehbar gewesen wäre, wenn er vorher bereits alle Fakten gekannt hätte.

Wolfgang hat eine Vergangenheit. Und Du hast bereits Einblick darin erhalten, weswegen Du Dich mit Wolfgang verbunden fühlen kannst. Er ist eine Figur mit Stärken und Schwächen, mit Erfahrungen, die ihn geprägt haben wie keinen anderen. Er ist einzigartig.

Doch Du wusstest nicht alles über ihn. Das erlaubt Wolfgang, Dich zu überraschen. Die Erklärung für sein scheinbar unvorhersehbares Verhalten liefert Wolfgang selbst. Und ein weiteres Mal erfährst Du etwas über Wolfgang; eine alte Wunde, eine Schwäche, ein prägendes Erlebnis, das ihm jetzt nicht erlaubt, Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Ein weiteres Mal kannst Du seine Motive nachvollziehen und deine Verbindung zu Wolfgang intensivieren. Als Resultat steigt deine emotionale Beteiligung und Du möchtest umso mehr sehen, wie Wolfgang seine Konflikte wohl lösen wird. Oder, in Anbetracht neuer Erkenntnisse, ob er an ihnen zerbrechen wird.

unter der Bettdecke

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Vom Protagonisten zur Persönlichkeit

Damit dein Leser sich mit der Hauptfigur verbunden fühlt, braucht diese eine Persönlichkeit. Sie braucht eine Vergangenheit, welche die Werte und Sichtweisen der Hauptfigur erklären kann. Wie sind die Stärken des Charakters entstanden? Wie seine Schwächen? Warum reagiert er genau so auf die erzählte Situation? Warum handelt er gegen seine eigenen Interessen oder gar gegen jede Vernunft? Was fürchtet der Protagonist mehr als den Tod? Und welche Erfahrung hat dazu geführt?

Je authentischer deine Figuren handeln, umso eher lösen sie Interesse und Emotionen aus; umso eher beeinflussen sie den Leser.

Damit deine Figuren ihre Persönlichkeit leben können, brauchen sie eine. Arbeite aus, was für Menschen sie sind. Auch Fakten, die mit der Geschichte scheinbar nichts zu tun haben, formen und prägen ihren Charakter. Und solche zusätzlichen Anreicherungen können verhindern, dass die Story allzu konstruiert wirkt.

Lasse deine Charaktere wünschen, träumen, fürchten

Deine Figuren sollten nicht einzig und allein für die Story leben, sondern ein Leben davor und danach haben. Es sollte spürbar sein, dass sie bereits vor Seite 1 Persönlichkeiten waren. Es sollte erkennbar sein, dass sie bereits Ziele und eigene Ideen hatten, bevor das Problem der Geschichte entstand.

Hauche ihnen Leben ein. Lasse sie menscheln.

Nicht immer ist es notwendig, dafür einen Lebenslauf zu entwickeln, oder jeder deiner Figuren gleich ein eigenes Buch zu widmen. Gerade bei spontanen Kurzgeschichten entwickeln sich Figuren gerne von einem Satz zum nächsten. Doch prüfe anschließend, ob sie auch die Figuren geworden sind, welche die Story braucht, um Verbindung aufzubauen, zu begeistern und zu überzeugen. Sei Dir nicht zu schade, die Geschichte bei Bedarf umzuschreiben.

Nur eine stimmige Geschichte gewinnt das Herz deines Publikums.

Bunte Frau

Story gewonnen, Charakter verloren

Wolfgang verließ die Schatten-Agentur mit zusammengepressten Lippen und hängenden Schultern. Der errungene Sieg schmeckte bitter. Der Preis war zweifelhaft hoch gewesen. Er hätte jetzt feiern gehen können. Doch ihm war danach, sich einzuschließen, sich zu vergraben und schnellstmöglich zu vergessen. Er fragte sich, ob er noch in den Spiegel schauen könnte, wenn all dies vorbei war.

Ein aalglatter Sieg ist nichts verglichen mit einer Figur, die stattdessen das Herz des Lesers gewinnt. (Und manchmal muss sie dafür sogar sterben.)

Also zeige Charakter!

Deine Helden

Wer sind deine Helden? Was magst Du ganz besonders an ihnen? Was macht sie aus? Was sind ihre Schwächen und warum macht sie das nur umso sympathischer?

Schreib es uns in den Kommentaren.

Fotos von Unsplash:
„alter Mann mit Lupe“ von mari lezhava
„Ritter“ von James Pond
„unter der Bettdecke“ von Alexandra Gorn
„Bunte Frau“ von Cristian Newman