Storytelling ist in aller Munde. Doch was ist das überhaupt? Und wie geht das?

Wie kann Storytelling mir helfen, Vertrauen aufzubauen oder meine Produkte und Dienstleistungen zu verkaufen?

Dieses Märchen – wie aus „Tausendundeine Nacht“ – zeigt Dir, was Storytelling bewirken kann.

Begegnung im Gewölbe

Feridun hörte das leise Klicken unter seinen Füßen. Augenblicklich machte er einen Satz zurück. Doch es war bereits zu spät: Der drahtige, junge Mann prallte mit dem Rücken gegen eine Wand, wo eben noch der Gang gewesen, durch den er in das Gewölbe gelangt war. Um ihm herum stürzten im Halbkreis spitze Stangen aus Eisen von der Decke und versperrten ihm den Weg nach vorne.

Für einen Augenblick war es still in dem Gewölbe. Die Fackeln an den Wänden flackerten aufgeregt.

Feridun wagte kaum zu atmen. Das Herz schlug dem Eindringling bis zum Hals, doch er zwang sich, ruhig zu verharren.

Dann hörte er, wie sich Schritte näherten; langsam, als hätten sie alle Zeit der Welt.

Der Gefangene schluckte. Ungläubig weiteten sich seine Augen, als er schließlich erkannte, dass es der Sultan persönlich war, der um die Ecke schritt.

„Zengin“, flüsterte er seinen Namen.

Erhaben und in edle Gewänder gehüllt trat der Sultan hervor. Überlegen lächelte er Feridun an. Er hob die Armbrust, die er mitgebracht hatte, vor sich.

„Du hast mich erwartet?“, fragte Feridun fassungslos, denn er sah, dass die Armbrust bereits gespannt war.

Zengin richtete die Schusswaffe auf den hilflos ausgelieferten Burschen.

Die Lage schien aussichtslos.

„Hast Du noch etwas zu sagen, Dieb?“, fragte der Herrscher gleichmütig.

Die Fackeln beruhigten sich. Der Augenblick wurde zu einem endlosen Moment der Entgültigkeit.

„Ja“, sagte Feridun, während sich im Angesicht der ausweglosen Situation eine tiefe Ruhe in ihm breit machte.

„Lasse mich Dir meine Geschichte erzählen“, bat er.

Überraschung zeigte sich auf dem Gesicht des Sultans. Er war ein Mann, der sein Wort hielt, und wenn auch nicht ausdrücklich, so hatte er doch dem Gefangenen durch seine Frage das Wort gewährt.

Er senkte die Armbrust. „So sprich“, verlangte er.

Feridun erzählt von sich

„Ich sterbe sowieso“, erklärte der Gefangene mit fester Stimme und sah, wie sich im Gesicht seines Zuhörers Verwunderung und Neugierde bildeten.

„Denn der Arzt Danial, der am südlichen Stadttor wohnt, untersuchte mich wegen der Schmerzen, die mich nun schon seit langer Zeit plagen und seit Kurzem immer schlimmer wurden“, erläuterte der junge Mann und fuhr dabei mit den Händen über seine Gelenke, seine Brust und seinen Bauch.

Dann fuhr er fort: „Er sagte, ich hätte nicht mehr lange, und Nichts gab es, das er hätte für mich tun können. Kein Kraut würde er kennen, dass mir helfen würde. Kein Wickel und kein Heilbad, das mir auch nur Linderung würde verschaffen können. Nicht einmal seine berühmte Salbe könnte mir die Schmerzen nehmen, da diese Schmerzen viel tiefer lägen, als die Salbe gehen könnte. Dennoch habe ich es versucht und ein wenig von der Salbe gekauft. Doch Danial hatte Recht. Es linderte mein Leiden nicht.“

„Ein Dieb, der sich die Salbe von Danial leisten kann“, kommentierte der Sultan. Es sollte wohl wie ein Vorwurf klingen, doch ein gewisses Mitgefühl für Feriduns Lage konnte Zengin nicht gänzlich verbergen.

„Es kostete mich alles, was ich besaß“, entgegnete der junge Mann hinter den Eisenstangen mit einem Hauch von Bitterkeit in der Stimme.

Fuchs

Feridun erzählt vom Weisen

„Doch dann traf ich den Weisen auf dem Basar“, rief er mit erhobenen Händen und legte die Hoffnung und Verzweiflung in seine Worte, die er in der Situation gefühlt haben musste, die er nun dabei war zu beschreiben.

„Er erzählte mir eine Geschichte“, flüsterte der junge Mann verheißungsvoll mit erhobenem Zeigefinger.

Der Sultan seufzte.

Langsam und umständlich setzte er sich in den Sand, legte sich die Armbrust auf die Beine und forderte seinen Gefangenen mit einer Geste auf, weiterzuerzählen.

Die Fackeln schienen diesen Augenblick der Pause zu nutzen, um ein weiteres Mal wild umherzutanzen.

Sultan

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Feridun erzählt von Sultan Hadi

„Euer Vater, Sultan Hadi“, fuhr Feridun fort, „war in seiner Jugend über das große Meer gefahren, um eine Bande von Räubern zu stellen, die einst wertvolle Schätze des Reiches gestohlen haben sollten.“

„Das ist wahr“, entfuhr es dem überraschten Sultan.

Ein weiteres Mal wuchs seine Neugierde.

„Es gelang Hadi nicht nur, die Räuberbande zu zerschlagen“, erklärte der junge Mann hinter den Eisenstangen, „sondern er stellte auch den Anführer.“

Zengin setzte sich auf und legte die Armbrust neben sich. Aufmerksam wartete er darauf, mehr darüber zu hören.

„Der Anführer der Räuber hieß Feras“, fuhr Feridun fort, „der Sohn des berühmten Räubers Ajas.“

Feridun erzählt vom Räuber-Häuptling

Er trat vor und ergriff zwei der Eisenstangen, die ihm umgaben.

„Lass mich frei und Du sollst zu hören bekommen, was Dir von großen Diensten sein wird“, rief er laut.

Der Sultan zog zweifelnd die Augenbrauen hoch.

„Das sagte der gefangen genommene Feras zu Sultan Hadi“, erklärte Feridun, ließ die Stangen wieder los und fuhr mit seiner Erzählung fort:

„Hadi war ein weiser Herrscher, edelmütig und groß. Er versprach Ajas die Freiheit, wenn er tatsächlich nützliche Informationen für ihn hätte. Und so erzählte der Räuber ihm von den vielen wertvollen Dingen, die sich unter den Schätzen befanden, und was für Kräfte in ihnen schlummerten. Da war dieser Beutel, der sich täglich wieder mit Goldmünzen füllte. Oder diese außergewöhnliche Brosche, die dafür sorgte, dass ihr Träger ständig den Leuten begegnete, die gerade wertvoll für ihn wären.“

Bei diesen Worten fasste sich Zengin an eine Brosche, die er an seinem Gewand trug.

Phiole

Feridun erzählt von der Phiole

„Und dann“, hier stockte der junge Gefangene, blickte zu Boden und senkte seine Stimme, „war da diese Phiole mit einem Zaubertrank, der jede Krankheit würde besiegen können.“

Der Sultan stand auf.

„Noch ein paar weitere Dinge erwähnte Ajas, die für einen guten Herrscher von großem Nutzen sein würden“, schob Feridun hastig nach, „bevor Sultan Hadi die Schätze an sich nahm und hier in diesem Gewölbe deponieren ließ, das er eigens dafür anlegen ließ. Und ein paar Dinge erzählte mir der Weise noch, den ich auf dem Basar getroffen habe.“

Zengin hob seine Armbrust auf.

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Feridun macht sein Argument

„Und Dir geht es einzig und allein um diese Phiole“, hinterfragte er die Motive des Eindringlings mit skeptischem Tonfall, „und nicht um die vielen anderen Schätze, die Du hier unten womöglich finden könntest?“

„Was nutzen mir all die Reichtümer der Welt“, entgegnete der Gefangene mit Verzweiflung in der Stimme und streckte die Arme zur Seite weg, „wenn ich bald sterbe?“

„Eine schöne Geschichte“, gab der Sultan zu und holte Luft, um mehr zu sagen.

„Und ist diese Brosche nicht auch ursprünglich von hier unten?“, fragte Feridun und deutete auf die Brosche, welche der Sultan bei der Erwähnung eines solchen Schmuckstückes berührt hatte. „Vielleicht war es ihre Kraft, die uns heute Nacht hier zusammengebracht hat?“

Zengin legte den Kopf in den Nacken und lachte.

„Von welchem Nutzen könntest Du mir sein, sterbender Dieb?“, fragte er herausfordernd.

Feridun erzählt von seiner Idee

„Diese Gewölbe verdienen es, beschützt und bewacht zu werden“, erklärte Feridun ernst und trat wieder an die Eisenstangen heran.

„Schenkt Ihr mir das Leben, so werde ich es diesen Hallen widmen und sie gegen jeden Dieb mit diesem Leben verteidigen, bis ich sterbe!“

Der Sultan schürzte die Lippen. Nachdenklich drehte er sich um und schritt wortlos davon.

Wenig später kam er wieder. Er hielt eine Phiole in der Hand, und obwohl er äußerlich entspannt und gefasst wirkte, glühten seine Wangen sichtlich vor Aufregung.

Sein Gesicht zeigte Skepsis – aber auch Hoffnung. Langsam und aufmerksam reichte er die Phiole durch die Eisenstangen.

Und so wurde Feridun tatsächlich der Wächter der geheimen Schatzkammern des Sultans.

Meine Geschichte und ihr Fazit

Am nächsten Tag kam der Sultan zu mir – Levent – und erzählte, was sich zugetragen hatte. Als sein Berater habe ich ihm immer schon nahegelegt, die unterirdischen Hallen bewachen zu lassen. Er hat nie auf mich gehört. So riet ich ihm schließlich, selber die Gewölbe zu überprüfen. Und erzählte ihm eine Geschichte dazu.

Ich weiß nichts von der Zauberkraft, die in Phiolen oder Broschen stecken mag.

Aber:

Ich weiß, was gute Geschichten auszurichten vermögen.

Deswegen gehe ich auch manchmal auf den Basar und suche mir jemanden, der mir geeignet erscheint, meiner Geschichte Leben einzuhauchen.

schwebendes Buch

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Wenn Du eine Starthilfe brauchst, dann nutze den Story-Baukausten, um deine erste Erzählung zu erstellen.

Wenn Du noch unter einer Schreibblockade leidest, dann lerne, wie Du jede Schreibblockade überwindest.

Fotos von Unsplash:
„orientalische Architektur“ von Fancycrave
„Fuchs“ von Linnea Sandbakk
„weiser Mann“ von Lukas Beer
„Phiole“ von Guilherme Stecanella
„schwebendes Buch“ von Jaredd Craig