Ich erinnere mich noch genau daran, als alles Liebe war.

Wir Hunde kuschelten uns ständig eng aneinander, Eltern und Geschwister, und manchmal nahm uns der Große Alte zärtlich hoch und redete sanft mit uns. Er war so groß, seine warmen Hände umschlossen mich fast vollständig und streichelten mich behutsam. Und ich fühlte mich unendlich geliebt und geborgen.

Ich war gut.

Dann gab mich der Große Alte eines Tages fort. Ich verstand nicht warum. Hatte ich etwas falsch gemacht?

Doch ich lebte fortan bei Brüller. Brüller ließ mich laufen, von klein an. Ich liebte das Laufen. Es war ein Rausch. Brüller spornte mich an. Ich lief jeden Tag schneller und weiter. Und Brüller gab mir Kekse dafür. Da wusste ich, Laufen war gut und richtig. Er nahm mich nicht hoch in seine Hände, und seine Hände waren auch nicht so behutsam, sondern eher grob, sein Stock auch, aber er gab mir Kekse. Ich hatte es gut. So gut, wie ich es verdiente.

Und Brüller brachte mich zu Rennen. Ich liebte die Rennen. Ich durfte so schnell laufen, wie ich nur konnte. Ich lief, bis mir alles weh tat. Und dann noch etwas weiter, weil ich wusste, dass ich ins Ziel gehörte. Als erste!

Dann gab es einen besonders großen Keks und ich wusste, Laufen war gut und richtig.

Ich war ok.

Hund Laika

Doch eines Tages verletzte ich mich.

Ich rutschte auf der gefrorenen Rennbahn aus, riss mir das Bein auf und stieß mir die Hüfte. Ich konnte nur noch ins Ziel humpeln, als letzte. Zu meinem geliebten Brüller humpelte ich und freute mich darüber, trotz der Schmerzen. Ich freute mich auf den großen Keks, doch mehr noch auf die Freude meines Brüllers und sein freudiges Brüllen.

Brüller freute sich jedoch nicht. Brüller brüllte vor Wut und nicht vor Freude. Es gab auch keinen Keks für mich. Seine Hände waren sehr grob. Er tat mir weh.

An dem Tag ließ er mich im Wald raus und ließ mich dort zurück. Ich verstand nicht, was ich falsch gemacht hatte. Hatte ich schon wieder was falsch gemacht?

Ich war gelaufen und Brüller hat gebrüllt. Das war nicht gut gewesen. Laufen war schlecht.

Ich war schlecht.

Zwei Tage und Nächte lief ich durch den Wald.

Es schneite unentwegt. Das war kalt, aber durch das Essen vom Schnee bekam ich Flüssigkeit. Ich schlief in harten, kalten Löchern. Ich musste das verdient haben, also bemitleidete ich mich nicht.

Dann hörte ich Bellen am dritten Tag. Ich folgte den Lauten und erreichte eine Lichtung. Ein Herrchen war mit seinen vier Hunden durch den Wald gelaufen. Doch er ließ sie nicht zurück, er brachte sie zurück in das Fahrzeug. Es mussten gute Hunde sein.

Das Herrchen sah mich. Er kniete sich hin. Versprach mir einen Keks, hielt ihn vor sich.

Ich hatte keinen Keks verdient, das wusste ich. Aber ich war so hungrig. Ich wollte standhaft bleiben, so sehr. Doch ich war schwach. Mein Magen und meine Nase übernahmen die Kontrolle. Langsam und vorsichtig schlich ich zum Herrchen. War er grob? Würde er brüllen? Würde er mich bestrafen, weil ich so schwach war?

Er war sanft. Ich hatte es nicht verdient, aber er nahm mich mit in seinem Fahrzeug. Ich hatte es nicht verdient, aber ich bekam einen Platz genau wie die anderen Hunde.

Wald und Schnee

Herrchen nahm mich auf.

Er pflegte mich gesund, kümmerte sich um meine Wunden. Ließ mich machen, was ich wollte. Aber ich wollte nichts. Nur bleiben dürfen.

Herrchen versuchte, mich zum Laufen zu motivieren. Er wusste wohl nicht, wie schlecht ich war. Ich lief nicht. Ihm bloß keinen Grund dafür geben, mich wieder weg zu schicken. Ich wollte nicht wieder zurück in den Wald. Ich blieb jeden Tag in meiner Hütte und verhielt mich so unauffällig, wie ich nur konnte. Denn auch wenn ich es nicht verdient hatte und das schlechte Gewissen mich erdrückte – es war ein schönes Leben.

Die Jahre vergingen.

Dann kam der Tag des Unfalls.

Die anderen Hunde zogen Herrchen mit dem Schlitten, wie sie es viel und gerne taten. Sie waren gut. Doch heute gerieten sie in Panik und nahmen Reißaus, als der Junge des Herrchens mit dem langen Rohr spielte und es plötzlich laut knallte.

Sie rannten, ohne zu wissen wohin. Der Schlitten rutschte über einen Stein und Herrchen verlor das Gleichgewicht. Er fiel vom Schlitten, doch ein Lederriemen hielt ihn am Fuß fest. Herrchen schlug mit dem Kopf an den Stein und verlor das Bewusstsein und wurde vom Schlitten durch den Schnee gezogen.

Ich überlegte nicht. Ich wusste, dass der Wald auf mich warten würde, doch ich stürmte los.

Es tat so weh. Meine Beine taten kaum noch ihren Dienst. Sie kannten das Laufen gar nicht mehr. Meine Knochen ließen mich spüren, wie schlecht ich war.

Auf der ersten Eisfläche rutschte ich aus und fiel hin. Ich sah, wie sich der Schlitten entfernte.

Ich war so schlecht.

Hundeschlitten

NEIN! Ich spürte, wie mich dieser Gedanke aufhielt. Ich stieß ihn beiseite. Ich musste Laufen! Nichts anderes war jetzt wichtig.

Und ich lief! Ich lief, wie ich noch nie gelaufen war. Es tat so weh, aber ich gab alles, was ich konnte. Und gab dann noch etwas mehr. Ich lief um mein Leben. Um Herrchens Leben.

Ich erkannte, dass die Hunde den Berg umrunden würden. Also kürzte ich den Weg ab, stürmte den Berg hoch und auf der anderen Seite wieder herunter.

Ich landete direkt auf Herrchen.

Mit einem Satz sprang ich an den Lederriemen und versuchte, ihn durchzubeißen. Ich spürte, wie Herrchen sich rührte, wieder zu Bewusstsein kam.

Ich spürte die Freude darüber, auch wenn das für mich den Wald bedeutete. Einmal im Leben konnte ich was richtig machen. Die Strafe würde ich in Kauf nehmen.

Ich biss den Riemen durch. Herrchen und ich überschlugen uns im Schnee.

Ich kauerte mich hin, versteifte mich und wartete auf meine Strafe.

Hund im Schnee

Ich spürte Herrchens Berührung.

Doch sie war – sanft! Er nahm mich hoch. Er lachte. Er weinte. Er war gut zu mir. Ich fühlte mich wie damals, als der Große Alte mich mit seinen Händen fast komplett umschloss.

Ich fühlte mich wie damals, als noch alles Liebe war.

Ich war gut. Ich war gut!

Alles war Liebe und ich war Laika, der glücklichste Hund auf der Welt.