Eine Geschichte, zwei Arten sie zu erzählen.

Begleite Wolfgang und Lupine und erlebe mit ihnen eine dramatische Begegnung. Zweimal!

Worin unterscheiden sich die beiden Geschichten? Was fällt Dir auf? Welche Version berührt Dich mehr?

Wird Dir hierdurch klar, was „show, don’t tell“ bedeutet?

Storytelling – Variante „tell“

Es war Herbst. Die Sonne schien. In der Nacht hatte es geregnet.

Wolfgang und Lupine gingen den Eichenweg entlang. Wolfgang trug seine Bürokleidung, Lupine Sportbekleidung. Sie schauten sich die Bäume an, die hier wuchsen. Als sie gerade an einem alten Fahrzeug vorbeigingen, kam eine Gestalt auf sie zu. Sie sah sich um und versperrte den beiden den Weg.

„Geld her“, sagte der zornige junge Mann im Kapuzenpullover und schaute Wolfgang an. Stoff verdeckte den größten Teil seines Gesichtes. Der sichtbare Bereich bestand fast nur aus Augen und Augenbrauen.

Wolfgang machte eine beschwichtigende Geste. Noch bevor er etwas sagen konnte, zog der junge Mann eine Waffe und bedrohte Wolfgang damit.

Lupine war davon nicht beeindruckt – vielmehr beleidigt, dass sie keine Beachtung fand. Sie bewegte sich ein wenig, um die Aufmerksamkeit des Angreifers auf sich zu ziehen. Der junge Mann warf ihr kurz einen Blick zu und hielt dabei seine Waffe in ihre Richtung, um sie einzuschüchtern.

Diese Reaktion hatte sie provoziert, denn sie beherrschte Jiu-Jitsu.

Sie fing die Hand des Angreifers ab und brachte seinen Arm durch einen speziellen Griff unter ihre Kontrolle.

Sie bedankte sich für seine Aufmerksamkeit, bewegte sich und zog den Mann im Kapuzenpulli zwischen sich und Wolfgang hindurch.

Der Bewaffnete hatte keine Kontrolle mehr über sein Gleichgewicht und war gezwungen, Lupines Bewegung mitzumachen. Sie entwaffnete ihn. Er war überrascht.

Lupine zwang ihn, die Bewegung weiterzumachen, wobei sie ihn losließ. Der Angreifer stolperte weiter und kam dann wieder zum Stehen.

Er schaute Lupine an; er wirkte ängstlich und unter Stress.

Für einen Augenblick suchte sein Blick die Waffe.

Lupine deutete an, einen Tritt vorzubereiten und schaute dabei belustigt und herausfordernd.

Der Mann im Kapuzenpullover zog sich die Kapuze tiefer ins Gesicht, stieß einen leisen Fluch aus und rannte davon.

„Sowas muss ich auch mal lernen“, sagte Wolfgang.

Lupine wirkte, als fände sie diesen Kommentar lächerlich und zog ihre Kleidung zurecht.

„Du musstest doch gar nichts tun, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen“, sagte sie. „Ich bin dafür jahrelang zum Training gegangen!“

Sie lachten.

Wolfgang hob die Waffe auf und warf sie weg.

Sie gingen und unterhielten sich über Belanglosigkeiten.

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Storytelling – Variante „show“

Es war ein angenehm warmer Herbsttag. Goldene Sonnenstrahlen schienen durch das bunt gefärbte Laub auf die Straße in die kleinen Pfützen hinein, die noch Zeugnis vom Regen der letzten Nacht ablegten. Vereinzelt war die Straße mit Teer und Rollsplit geflickt worden, andere Stellen warteten noch auf Reparaturen.

Wolfgang und Lupine spazierten an dem Schild vorbei, dass diese Straße als Eichenweg kennzeichnete, auf dem Fußgängerweg aus Kopfsteinpflaster. Wolfgang trug einen eleganten, blauen Anzug, der ihm wie maßgeschneidert passte, obwohl es ein Schnäppchen von der Stange gewesen war. Lupine trug ihren ausgewaschenen, rosa Jogginganzug, der ihr etwas zu groß war. Ihre langen, blonden Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.

Sie schlenderten entspannt den Weg entlang und schauten sich dabei beeindruckt die großen, knorrigen Eichen links und rechts von ihnen an, die womöglich schon hundert Jahre alt waren.

Als sie gerade an einem alten und verbeulten Ford Kombi vorbeigingen, trat aus dem Schatten eines heruntergekommenen Mehrfamilienhauses eine Gestalt im dunklen Kapuzenpullover hervor. Sie sah sich geduckt und gehetzt um, bevor sie sich den beiden Spaziergängern in den Weg stellte.

„Geld her“, fauchte der junge Mann und starrte vor allem Wolfgang durchdringend an. Ein Pali-Tuch verdeckte den größten Teil seines Gesichtes. Der sichtbare Bereich bestand fast nur aus großen, zornigen Augen und buschigen, heruntergezogenen Augenbrauen.

Wolfgang zog langsam die offenen Hände aus der Tasche. Er senkte sie mit den Handflächen nach unten vor sich ab, um damit eine beschwichtigende Geste zu demonstrieren.

Noch bevor er die Gelegenheit bekam, den Mund zu öffnen, zog der junge Mann ein dünnes Springmesser und hielt es Wolfgang an den Hals. Wolfgang war relativ groß und hatte breite Schultern. Der Bewaffnete wollte ihm offenbar nicht zu nahe kommen und musste seinen Arm ganz durchstrecken, um das Messer nahe genug an Wolfgangs Hals zu bekommen.

Lupine zog missfallend die Augenbrauen herunter und machte einen Schmollmund. Ohne die Füße zu bewegen lehnte sie sich zu Wolfgang herüber, jedoch mit dem Blick fest auf die vermummte Gestalt gerichtet. Schließlich hob sie eine Hand mit erhobenem Zeigefinger. Es wirkte, als forderte sie die Aufmerksamkeit ihres Gegenübers.

Der junge Mann warf ihr kurz einen Blick mit hochgezogenen Augenbrauen zu, bevor er wieder Wolfgang anstarrte. Einen Augenblick lang deutete er in einer hastigen Bewegung mit dem Messer in der Hand in ihre Richtung.

Es schien, als hätte die junge Frau diese Reaktion vorhergesehen, denn die Hand mit dem Messer berührte in diesem Moment ihre erhobene Hand, die auf Abfangkurs gegangen war.

Lupine griff zu. Ohne Hast und ohne Anstrengung drehte sie das Handgelenk und damit den Arm des Angreifers herum. Mit der anderen Hand fasste sie ihm an den Ellenbogen. Der junge Mann beugte sich notgedrungen vor. Seine Augen weiteten sich.

„Schön, dass auch ich deine Aufmerksamkeit habe“, flötete sie, trat einen Schritt schräg nach hinten und zog den Mann im Kapuzenpulli zwischen sich und Wolfgang hindurch, als wäre dies eine Selbstverständlichkeit.

Der Bewaffnete hatte hierdurch keine Kontrolle mehr über sein Gleichgewicht und war gezwungen, Lupines Bewegung mitzumachen. Sein durchgestreckter Arm wurde von ihr weitergedreht, so dass sein Messer mit der Spitze nach oben zeigte und ihm schließlich aus der Hand fiel, als Arm und Handgelenk überdreht waren. Überrascht keuchte er.

Lupine nutzte seinen Schwung, um ihn zu zwingen, die Bewegung weiterzumachen, wobei sie ihn losließ. Der Angreifer stolperte über sein Messer hinweg und kam hinter den beiden Spaziergängern wieder zum Stehen.

Mit großen Augen schaute er Lupine an; die Augenbrauen hochgezogen, das Gesicht rot, ein Schweißtropfen rollte ihm an der Schläfe hinab.

Für einen Augenblick suchte sein Blick das Messer.

Lupine bewegte sich kaum. Sie drehte sich ein wenig, ging etwas in die Knie und streckte das hintere Bein ein wenig durch. Sie war ganz klar vorbereitet, einen Tritt auszuführen.

Sie legte den Kopf leicht auf die Seite und lächelte leicht. Herausfordernd zog sie eine Augenbraue hoch.

Der junge Mann im Kapuzenpullover überlegte nicht lange. Er zog sich die Kapuze tiefer ins Gesicht, stieß einen leisen Fluch aus, drehte sich um und rannte davon.

Wolfgang schaute Lupine bewundernd an und fuhr sich verlegen durch das perfekt gestylte Haar.

„Sowas muss ich auch mal lernen“, überlegte er laut.

Lupine schnaubte leise, zog sich den Jogginganzug zurecht und wischte mit der Hand unsichtbaren Staub von ihm ab.

„Du musstest doch gar nichts tun, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen“, entgegnete sie im gespielt beleidigten Tonfall. „Ich bin dafür jahrelang zum Training gegangen!“

Sie lachten.

Wolfgang hob das Messer auf, ließ die Klinge einfahren und warf die Waffe in den nächsten Mülleimer.

Sie setzten ihren Weg fort, als wenn nichts passiert wäre, und unterhielten sich über Pläne für das Mittagessen.

Herbst
Schatten mit Kapuzenpulli

Die Moral von der Geschicht? Zeige – und erzähle nicht!

Die Moral ist so ein wenig hart formuliert. Denn Du darst sowohl zeigen wie auch erzählen. Du darfst sagen, dass es ein angenehm warmer Herbsttag war, ohne stattdessen unbedingt jemanden zu zeigen, der sich in der Sonne räkelt, nur um diese Beschreibung unbedingt zu vermeiden. Du darfst sagen, dass jemand überrascht ist, auch wenn Du begleitend entsprechende Anzeichen sichtbar machen solltest. Oft gilt es also abzuwägen.

Doch manchmal solltest Du eben nicht abwägen, sondern unbedingt zeigen! Und nicht vage formulieren, sondern so konkret wie möglich!

Ein „Fahrzeug“ kann ganz unterschiedliche Eindrücke im Leser oder Hörer hinterlassen, aber keinen greifbaren. Eine „Waffe“, die nicht weiter spezifiziert wird, bringt das Publikum in eine unerwünschte Distanz und in sorgt dafür, dass sich die Leute in nebulösen Vermutungen verirren, bevor sie der Spekulationen müde sind und ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes richten.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte

Aber Du kannst Worte benutzen, um damit Bilder zu malen. Diese Bilder sind das „show“, und von ihnen solltest Du möglichst viele haben, um damit dein Publikum zu begeistern, es darin eintauchen zu lassen. Mal gilt also „show, don’t tell“ und manches Mal ist „show and tell“ erlaubt.

Ist Dir etwas unklar geblieben? Hast Du etwas Interessantes zu ergänzen?

Lass dein Rudel teilhaben und schreib einen Kommentar!

Handgemenge

Ein Gegenbeispiel:

Auf Twitter lese ich gerne mal Familiengeschichten. Naturgemäß sind diese Geschichten sehr kurz, denn ein Eintrag bei Twitter erlaubt nur wenige Sätze. Manchmal endet eine solche Kurzgeschichte mit „Handgemenge“.

Alles weitere bleibt hier deiner Fantasie überlassen. Und in diesem Fall passt das auch – jedes Detail wäre zuviel. Denn das Handgemenge ist ein wiederkehrendes Element mit Erkennungswert. Ein running gag.

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Fotos von Unsplash:
„Paar“ von Adriana Velásquez
„Fahrzeug vor einem Haus“ von Mohamad Rashidi
„Herbst“ von kazuend

„Schatten mit Kapuzenpulli“ von Rendiansyah Nugroho